Badehaus Waldram: Ein “kleines Wunder” feiert Geburtstag. – Bad Tölz-Wolfratshausen

Was ist wichtig im Leben? Diese Frage habe er sich am Freitag gestellt, als viele junge Menschen für eine neue Klimapolitik auf die Straße gingen, sagt Jonathan Coenen. Er hingegen saß in Waldram und bereitete den Festakt zum zehnjährigen Bestehen des Vereins Bürger für Badehaus Waldram-Föhrenwald vor. Die richtige Entscheidung? Zu einer lebenswerten Welt gehört für ihn der Kampf gegen Hass, Rassismus und Ausgrenzung. „Schafft Orte, an denen man voneinander lernen und sich näherkommen kann. Das Badehaus ist ein ganz besonderer Ort. Und deshalb bin ich seit fünf Jahren dabei.“ Mit diesem persönlichen Engagement eröffnete Coenen, Student der Kulturwissenschaften und zweiter Präsident des Vereins, am Sonntagabend einen besonderen Festabend in der Geschichte Wolfratshausens.

Genau zehn Jahre ist es her, seit sich Bürger zusammengeschlossen haben, um das „Badehaus“ am Waldramer Kolpingplatz vor dem Abriss zu retten. Einst diente es den Arbeitern der beiden großen Waffenfabriken, die die Nazis im Wolfratshauser Forst errichteten, als Männerbad. Am Ende des Krieges verbrachten Überlebende des Todesmarsches aus den Konzentrationslagern ihre ersten Stunden in Freiheit in der NS-Siedlung. Danach wurde Föhrenwald ein Lager für vertriebene Juden und 1956 schließlich eine Siedlung für aus ihrer Heimat vertriebene Großkatholiken, umbenannt in Waldram. „Jüngste Zeitgeschichte wird hier auf einzigartige Weise verdichtet“, sagt Sybille Krafft, Präsidentin des Vereins. “Ein Alleinstellungsmerkmal.”

Dass das Haus nicht nur liebevoll gerettet und geputzt, sondern auch in einen sehr lebendigen Ort der Erinnerung, Begegnung und des Lernens verwandelt wurde, ist vor allem dem Engagement der Ehrenamtlichen zu verdanken. Es sei „ein kleines Wunder, dass es diesen Ort der Erinnerung gibt“, sagt Krafft. Inzwischen haben sich bei Waldram Nationen, Religionen und Generationen getroffen. „Das ist ein kostbarer gesellschaftspolitischer Schatz, der politisch und institutionell geschützt und gefördert werden muss.“

Anhand eines kurzen Zahlenquiz erklärte sie, was der Verein am Sonntag macht: Aktive Menschen haben 44.949 Stunden ehrenamtliche Arbeit geleistet, 20.000 historische Fotos gesammelt und archiviert. 10.837 Gäste haben das Haus bisher besucht. Der Verein steht in Kontakt mit 305 Zeitzeugen oder deren Nachfahren in Europa, Israel, Kanada und den USA, 59 wurden interviewt und gefilmt. Was dem Klub aber noch fehle, sei „ein Quäntchen Planungssicherheit“, sagt Krafft. “Es macht uns fertig.” Sie richtete deshalb ein „Hilfeersuchen an eine verlässliche Grundversorgung“ an die Ehrengäste.

Kurort als Erinnerungsort: Fast 45.000 Stunden haben Mitglieder des Vereins bisher ehrenamtlich gearbeitet.

Fast 45.000 Stunden leisteten die Vereinsmitglieder ehrenamtlich.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Therme als Erinnerungsort: Die Therme ist zu einem einladenden Treffpunkt geworden.

Das Badehaus ist zu einem einladenden Treffpunkt geworden.

(Foto: Hartmut Postges)

Alle Hauptredner lobten einstimmig die wertvolle Arbeit und den unermüdlichen Einsatz der Beteiligten. Als dritte Bürgermeisterin vertrat Annette Heinloth (Grüne) die Stadt Wolfratshausen, die am Vortag den Verein Badehaus mit einer Tafel auf dem „Walk of Fame“ vor der Loisachhalle aufgenommen hatte. „Die Stadt ist sehr dankbar, diesen einzigartigen Ort bekommen zu haben“, sagte sie und überreichte dem Präsidenten verlegen einen Umschlag: „Vielleicht reicht es für einen Kaffee für die Aktiven.“ Landrat Josef Niedermaier (FW) erklärte, es gebe im Landkreis „einen Strauß verschiedenster ehrenamtlicher Engagements“, dies einzuschätzen sei schwierig und sehr undankbar. „Ich habe kein Geld dabei“, gab er zu, versprach aber seine weitere Unterstützung.

Regierungspräsident Josef Mederer (CSU) sagte, sein Herz gehe angesichts des bürgerschaftlichen Engagements auf. Für den Landkreis wird allerdings nur die Projektförderung in Frage gestellt. Sein Appell an Krafft, „Ihre Kreativität ist gefragt“, wurde im Saal mit Gelächter quittiert. Spontaner Beifall gab es für die beiden Landtagsabgeordneten Florian Streibl (FW) und Karl Freller (CSU). „Ihre Arbeit hier ist von grundlegender Bedeutung für unser Land und unsere Gesellschaft“, sagte Streibl. Er wird sich dafür einsetzen, die 100.000 Euro Einmalförderung der bayerischen Regierungskoalition zu „konsolidieren“.

“Weder Land noch Bund können sich der Verantwortung entziehen”, sagte Freller, der auch Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten ist. Mit Streibl werde er sich dafür einsetzen, dass “Staatsgelder fließen”. Das Badehaus wurde zu einem Lernort. “Und das Lernziel lautet: Nie wieder!” Optimismus verbreitete schließlich auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Roloff. Er habe bereits mit Kultusministerin Claudia Roth (Grüne) gesprochen und freue sich auf „die nächsten Jahrzehnte“ im Kurort.

Erinnerungsort Badehaus: Die neue Gedenktafel am "Ruhmeshalle" in Wolfratshausen.

Das neue Schild am „Walk of Fame“ in Wolfratshausen.

(Foto: Hartmut Postges)

Auf dem Programm standen die Premiere des Films „Das Badehaus wird gebaut“, bei dem viele Aktive im Hintergrund ihre Meinung äußern, ein Konzert von Solidaritätsgesuchen von Studierenden, Auszubildenden und Freunden, die sich aktuell im Badehaus engagieren, und Musik von einem Trio, das sich ganz spontan für die Zeremonie zusammengefunden hat. Sebastian Horn, Josef Brustmann und Benny Schäfer – ihre Mütter stammen alle aus Waldram – gaben dem Festival mit eigenwilligen Stücken und dreistimmigen Gesängen eine besondere Wendung und emotionale Tiefe. Zu den Jugendlichen sagte Horn: „Ihr könnt stolz sein auf das, was ihr hier leistet. Es ist super wichtig und wunderbar.“

Erinnerungsort Spa: Überzeugendes Trio: Josef Brustmann, Sebastian Horn und Benny Schäfer (von links nach rechts).

Überzeugendes Trio: Josef Brustmann, Sebastian Horn und Benny Schäfer (von links).

(Foto: Harry Wolfsbauer)

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