Barrie Koskys „Turandot“: Von kultureller Aneignung keine Spur. Leider

Neinoh, all die süßen Opernmädchen, die er sang, Giacomo Puccini hat anscheinend genug. Turandot, die Prinzessin seines letzten Musiktheaterstücks, das 1926 nach seinem Tod uraufgeführt wurde, ist eine wirklich unangenehme Frau.

Allen Heiratswerbern, die ihre Rätsel nicht lösen, wird ihr der Kopf abgeschlagen. Ihr Peking in fabelhaften Zeiten macht sie zu einer Diktatur, die ihr Volk brutal in Schach hält. Und das alles, um die Vergewaltigung eines Vorfahren zu rächen. Es gibt keinen schlimmeren Weg, #MeToo-Zufriedenheit falsch zu verstehen.

Zu allem Überfluss bringt Turandot die Sklavin Liù um, weil sie den Namen des fremden Prinzen kennt, der Turandot schließlich besiegt hat. Aber ist diese Oper auch frauenfeindlich? Nicht wirklich, trotz der flachen parabolischen Anordnung der Charaktere, die von Carlo Gozzi als Märchen konzipiert wurden, ist es eher ein ziemlich genaues historisches Stück Italien unter Mussolini. Diesmal mit einem negativen Protagonisten.

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Baz Luhrmann rät dringend davon ab, die Augen davor zu verschließen, in sich selbst nach kreativen Ideen zu suchen, da diese selten originell sind.

Turandot existiert nicht, sie ist eine Chimäre. Das findet zumindest Regisseur Barrie Kosky. Turandot hat nie existiert. Mit dieser gewagten These setzt Kosky – nach einer holprigen „Tosca“ – seinen dreiteiligen Puccini-Zyklus an der Dutch National Opera in Amsterdam provokativ fort.

Ein körperloser Albtraum kollektiver Wünsche und Gefühle. Soso. Und deshalb gibt es kein Peking in Amsterdam. Nur eine kalte, dunstige Kiste mit beschlagenen Spiegeln, entworfen von Michel Levine. Darin spielt der fabelhafte Chor fast ununterbrochen, wirklich genial beleuchtet von Alessandro Carletti.

Zunächst sitzen alle wie tot da, eingehüllt in mindestens 50 Nuancen Alltagsgrau von Viktoria Behr. In einem ästhetischen Raum, der den Vorwurf der kulturellen Aneignung praktisch nicht erhebt.

Ein Schädel ist ein Zeuge

Sie alle sind Zombies, die jetzt seit zwei Stunden in Puccinis Untotentanz herumstampfen. Das ist so virtuos, wenn es zur Handlung passt, wie irritierend, wenn Choreograf Otto Pichler Solisten, Chorsänger und Tänzer zu jeder Zeit unruhig halten muss.

Aber zunächst funktioniert es gut, wir sehen wieder eine dieser Kosky-Produktionen, reduziert, schwarz, energisch, ganz auf einen Interpretationspunkt fokussiert. Es gibt nur einen Totenkopf als Stütze, und die Protagonisten tauchen fast ununterscheidbar aus der mal bedrohlichen, mal ohnmächtigen Masse auf.

Der vertriebene Herrscher Timur (altbacken: Liang Li), sein gefundener Sohn Kalaf (rauer Tenor: Najmiddin Mavlyanov), die Sklavin Liù (wie niedlichste Sopranistin: Kristina Mkhitaryan), die drei koketten Kabarettminister (Germán Olvera, Ya – Chung Huang , Lucas van Lierop). Mit gespenstischen Tänzern in silbernen Kostümen spielt auch eisiger Glamour mit in das fesselnde Spiel des Bösen.

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Im zweiten Akt gleicht es sich natürlich aus. Die Minister haben ihr Schießpulver abgefeuert, das von Puccini so raffiniert zwischen Chinoiserie und Commedia dell’arte arrangierte Scherzo ihrer traumhaften Privatvergnügen steigert sich nicht, die glitzernden Skelette, die jetzt tanzen, sind keine Abwechslung mehr.

Für die Rätselszene erscheint der alte Kaiser Altoum als Gerüst aus glühenden Knochen, das mit einem Fleischerbeil aus der Krypta gezogen wird. Minister bewegen sich, Marcel Reijans singt von hinten.

Türen öffnen sich, dahinter stapeln sich Totenköpfe wie ein riesiges Beinhaus. Anstelle von Prinzessin Turandot steigt nur ein riesiger Schädel herab, aus dem Ballettwürmer kriechen. Doch Tamara Wilson steht auf einem Lichtsteg und singt unsichtbar mit hohem, schwebendem Sopranbereich.

der Tag des Todes

Da fragt man sich, was oder wem wirklich gefällt feste Idee Könnte es Kalafs Leidenschaft ausgelöst haben? Es kann nicht einmal als Avatar, Popanz, Projektion verstanden werden.

Endlich wird es hell für „Nessun dorma“, die verspiegelte Decke hat sich zum Hang abgesenkt und gibt den Blick frei auf Floordance-Arrangements wie in alten Busby-Berkeley-Musicalfilmen, gespielt von gelben und roten Blumenwesen, die offenbar zeitgleich mit dem Dia Halloween feiern de Muertos.

Als Liù gefoltert wird und sich schließlich selbst erschießt, stürzen die Wände ein und das Neon leuchtet. Und dann war Schluss: Barrie Kosky dorthin, wo Puccini starb und wo einst Toscanini bei der Premiere den Staffelstab fallen ließ.

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Es gibt weder Franco Alfanos nachkomponierten Schluss noch Luciano Berios neuen Schluss, der in Amsterdam uraufgeführt wurde. Doch die Szene ist alles andere als vorbereitet. Alle fallen wieder tot um, “Turandot existiert nicht”, flüstert die gespenstische Stimme auf Italienisch; getragen vom Wind der Oper.

Kosky hat eine These, die aber szenisch nur bedingt zufriedenstellend funktioniert. Das war schon bei seiner „Tosca“ der Fall, die Puccini, scheinbar auf konventionelle Funktionalität eingestellt, nur schwer zu knacken ist.

Eine Kerbe umgeben von Eis

Lorenzo Viotti, der musikalische Partner am Pult des Nederlands Philharmonisch Orkest, stimmte dieser düster pointierten Lesart einmal mehr zu. Entsprechend abgehärtet klatschte er die Partitur, ließ sie in Eis gehüllt schimmern, war aber auch oft ungeschickt und betont langsam.

Dies funktioniert wie eine theatralische Requisite, aber Viotti wird der Fülle der Musik nur teilweise gerecht, die so schillernd wie gekünsteltes Chinesisch ist, wie sie raffiniert bombastisch, sogar angenehm sprudelnd ist. Kosky/Viotti haben noch eine Chance für Puccini: Nächste Saison ist „Il Trittico“ an der Reihe.

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