Eine Familie für jedes Kind


Ovelgönne
Inklusion wird in der Familie Kerstin Held seit jeher gelebt. Sie wuchs mit ihrer schwerbehinderten Schwester auf, heute leitet sie ein Heim für behinderte Kinder in Ovelgönne.

„Meine jüngere Schwester hatte eine erbliche Muskelerkrankung. Als Kind war der Rollstuhl für mich ganz normal“, sagt der 46-Jährige. Wie viel in puncto Inklusion noch zu tun ist, erkannte Kerstin Held, als sie im Jahr 2000 „völlig naiv“ ihr erstes behindertes Pflegekind aufnahm. „Ich kenne Sascha seit vielen Jahren und hatte einen Pflegeeinsatz in dem Haus, in dem er vorher war. Seine Mutter wollte immer, dass er in ein Waisenhaus geht.“

Dann gut. Doch nach sechs Wochen meldete sich das Jugendamt: Kerstin Held brauchte einen Pflegeschein. Allerdings konnte das Jugendamt keine ausstellen, weil das Gesetz nur vorsah, dass Kinder mit Behinderungen bei ihren leiblichen Eltern oder in einem Haus leben dürfen.

Gegenseitiger Respekt


Mittlerweile gibt es mehrere gesetzliche Übergangsregelungen, nun haben Adoptiveltern von behinderten Kindern zumindest einen gesetzlich garantierten Anspruch auf Beratung. „Beratung ist wichtig, denn jedes Kind mit Behinderung ist eine individuelle Entscheidung“, sagt Kerstin Held.

Die Ergotherapeutin, Rehabilitations- und Medizintechnikberaterin sowie Eventmanagerin setzt sich zudem dafür ein, dass die leiblichen Eltern von Kindern mit Behinderungen und deren Adoptiveltern respektiert werden. „Wenn Eltern ihr behindertes Kind einem Heim übergeben, haben alle Verständnis. Wenn es um eine Pflegefamilie geht, heißt es oft: Dann hätte ich auch bei dir bleiben können“, sagt Kerstin Held.

„Aber man muss dazu gebracht werden, mit einem Kind zusammenzuleben, das intensiv betreut werden muss. Das bedeutet unter anderem, dass das externe Pflegeteam 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche im Haus ist. Sie haben also keine Privatsphäre. Wenn Sie sich wie ich für das Modell der persönlichen Betreuung entschieden haben, sind Sie auch Arbeitgeber der Pflegekräfte. Du kannst nicht einfach in Unterwäsche in die Küche gehen und morgens Kaffee trinken.“ Kerstin Held betreut derzeit vier schwerbehinderte Kinder zusammen mit zwölf Betreuerinnen.

Um dem weit verbreiteten „Halbwissen“ mit Informationen aus erster Hand entgegenzuwirken, entschied sich Kerstin Held 2017 für den Gang an die Öffentlichkeit. Den Talkshow-Einladungen folgte der GEO-Artikel „Frau Held Mutter“. Darüber hinaus wurde Kerstin Held in den Stadtrat und Kreistag berufen und gewann ein Direktmandat mit dem Slogan „Wir schaffen Inklusion“: „Im Landkreis Wesermarsch haben wir jetzt eine Teilzeitstelle für einen Kreisbehindertenbetreuer und eine Vollzeitstelle Stelle für einen Inklusionslotsen. Er vermittelt zwischen den Ansprechpartnern und auch zwischen den verschiedenen beteiligten Behörden, weil sie oft nicht miteinander reden.“

Geldpreis für Prävention

Sie ist außerdem Präsidentin des Bundesverbandes behinderter Pflegekinder eV und engagiert sich aktiv in der Gesetzgebung auf Bundesebene. „Mir ist es wichtig, keine Überforderung zu stellen, sondern das Mögliche umzusetzen“, sagt Kerstin Held. „Inklusion braucht vor allem Haltung und gegenseitige Rücksichtnahme.“

Private Medien hatte sie bis vor kurzem immer abgelehnt, bis eine Redakteurin bei „Bild der Frau“ fragte, ob sie ein Thema habe, das öffentlichkeitswirksam sei. “Ja, fetales Alkoholsyndrom”, sagte Kerstin Held. „In Deutschland werden jedes Jahr mindestens 21.000 schwerbehinderte Kinder geboren, weil ihre Mütter während der Schwangerschaft Alkohol getrunken haben. Vermutlich sind viermal so viele Kinder betroffen, aber ihre Mütter wagen es nicht, dies zu sagen. Laut einer aktuellen Studie konsumiert jede vierte Frau während der Schwangerschaft Alkohol.“

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Um Licht ins Dunkel zu bringen, sagte Kerstin Held zu, als die Redaktion sagte, sie solle in diesem Jahr eines von fünf „Goldenen Frauenfotos“ werden. Der Bundesverband behinderter Pflegekinder erhält den mit 10.000 Euro dotierten Preis für das Präventionsprojekt. Sollte Kerstin Held bei der aktuellen Abstimmung zum Leserpreis genügend Stimmen erhalten, würde sie den mit 30.000 Euro dotierten Preis unter anderem auch in Projekte zum fetalen Alkoholsyndrom stecken.

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