»Fotografie ist meine Sprache« | Jüdischer General

Herr. Herlich, vor etwa einem Monat hat ein Unbekannter eines seiner Bilder von der Wand des Berliner Restaurants “Feinberg’s” gerissen und anschließend im Badezimmer demoliert. was ist seitdem passiert?
Das Foto liegt derzeit beim Landeskriminalamt (LKA), wo die Spuren untersucht werden. Ich habe auch reklamiert. Bis heute weiß niemand, wer die Unruhestifter waren. Ich werde das Bild selbst nicht reparieren. In Frankfurt gibt es eine Dauerausstellung von mir in einem Bunker, genau dort, wo bis 1938 eine Synagoge stand. Es wird aktuelles jüdisches Leben gezeigt. Sobald ich das Bild zurückbekomme, geht es dorthin. Oder ich lege es in Berlin als Zettel neben ein repariertes Exemplar. Das könnte ich mir auch vorstellen.

Wie gehen Sie persönlich mit dem Vorfall um?
Ich fotografiere seit vielen Jahren und bin beruflich viel unterwegs. Manchmal finden zwei oder drei Ausstellungen in nur einem Monat statt. Nirgendwo, weder in der BRD noch in der DDR, ist mir bei Feinberg so etwas bisher passiert. Natürlich tut es weh. Was ist mit dem Motiv – jüdische Kinder – zerstört, getreten und gebrochen zu werden, ja, das ist unangenehm.

Was stellen Ihre Bilder dar und warum ziehen sie Antisemiten an?
Die übergeordnete Botschaft meiner Arbeit ist es, selbstbewussten Juden ein Gesicht zu geben. Zu zeigen, dass die jüdische Tradition in Deutschland fortbesteht und ein schönes Leben beinhaltet. Es hat etwas mit Respekt zu tun, mit Respekt. Und damit die Leute sehen, dass es uns noch gibt. Unser Alltag ist mehr als nur die Shoah und die Toten. Jüdisches Leben spiegelt sich in Kindern wider, die den Schabbat feiern, ihre Bar Mizwa, eines Tages ihre Hochzeit. Wie alle anderen haben auch Juden hier ihre Heimat. Das passt wohl weder zum einen noch zum anderen.

Nimmt der Antisemitismus auch in der Kunstszene überhand – Stichwort Dokument?
Ich finde die Ereignisse der documenta schrecklich, aber mal was anderes. Meine Arbeit wurde absichtlich zerstört. Das Kasseler Beispiel ist sehr schade und erregt internationale Aufmerksamkeit. Für mich persönlich ist es genauso demütigend, mein Foto aufzuhängen und in eine Toilette geschoben zu werden. Und genauso schlimm. Beide Vorfälle haben unterschiedliche Motive, aber beide beinhalten eine Sache – Judenhass.

Mit Ihren Fotos setzen Sie sich seit vielen Jahren für Toleranz und Zusammenleben aller Religionen ein. Hattest du Angst, dass deine Kunst auch provokativ ist?
Das motiviert mich nur noch mehr, meine Arbeit zu zeigen und mehr Menschen zu erreichen, insbesondere Schulkinder. Um meine Bilder zu zeigen und die deutschen Juden zu erklären. Gleichzeitig sollen meine Fotos ganz normale Familien ansprechen, deren Geschichten in Auschwitz zu Ende gingen, und sich mit der großen Frage nach dem Warum auseinandersetzen. Viele Kinder wissen das nicht. Davon zu lernen, gibt mir Kraft und Mut, weiterzumachen.

Als Künstler sind Sie heute online immer präsent. Haben Sie schon einmal Antisemitismus im Internet erlebt?
Ich fühle mich mit Menschen online sehr verbunden. Ich bekomme alle zwei bis drei Tage Feedback zu meiner Arbeit. Hauptsächlich geht es um Israels Motive. Bisher habe ich keine einzige Hassmail erhalten.

Feinberg’s Restaurant liegt in Schöneberg, in einem der liberalsten Kieze Berlins – fragen Sie sich nicht, wo man noch jüdische Kunst ausstellen kann?
Auf keinen Fall. Meine Ausstellungen sind im Landtag in Erfurt, auch in einem vom Zentralrat der Muslime organisierten Flüchtlingsheim, in diversen Rathäusern, Kulturzentren, in vielen Schulen zu sehen. Und ich muss sagen, das Interesse ist unglaublich groß. Ich habe bereits ein Buch über Vielfalt veröffentlicht. Und aktuell gibt es in Frankfurt eine U-Bahn, die die Bilder zeigt. Ich glaube, es ist die erste U-Bahn, die man sieht, wenn man die Oper in Frankfurt verlässt. Sie können Bilder von Moscheen neben Bildern von Rabbinern in Synagogen sehen, eine Mischung aus verschiedenen Kulturen, und das in einer U-Bahn, die durch die ganze Stadt fährt. Aber was mich am meisten inspiriert, sind nach wie vor die Gespräche mit den Studierenden – vor allem, wenn sie sagen, dass sie erst durch meine Fotos verstehen, wie schön jüdisches Leben in Deutschland sein kann.

Ist Kunst eine gute Möglichkeit, die Augen zu öffnen?
Kinder sind neugierig. Auf einem meiner Fotos sieht man zum Beispiel drei junge Leute, die bei Maccabi Fußball spielen, alle das gleiche Davidstern-Shirt tragen, einer von ihnen ist Christ, einer ist Muslim und einer ist Jude. Und niemand weiß, wer wer ist. Über solche Fotos können wir reden. Und plötzlich merken sie, die neugierigen jungen Leute, wie wenig uns trennt. Sie sehen, letztlich hat meine Arbeit viel mit Vertrauen zu tun. Man kann nicht einfach Leute fotografieren, die ihr Gesicht nicht zeigen. Familien zu porträtieren bedeutet, mit ihnen zu sprechen und ihnen offen zu sagen, dass ihre Schicksale auch in den Schulen thematisiert werden. Dafür benötige ich Ihre Zustimmung. Und mein Objektiv fängt dann ein, wie die jüdische Tradition weitergeht. Die alte Frau mit der Auschwitz-Nummer auf dem Arm, umgeben von ihren Enkelkindern, die alle nicht in Israel zu Hause sind, sondern hier in Frankfurt. Über diese Kraft möchte ich in meinen Ausstellungen sprechen. Und wenn ich auf eine Gruppe junger Leute treffe und nur ein oder zwei von ihnen verstehen, worum es geht, dann verstehe ich, dass ich meine Arbeit fortsetzen muss.

Was war Ihre bewegendste Geschichte hinter einem Foto?
Ich erinnere mich an einen Holocaust-Überlebenden, der nach Frankfurt zurückkehrte und für seine Mutter ein Stolperstein gelegt wurde. Auf meinen Fotos steht dieser Mann mit seinen Enkelkindern am Hauptbahnhof und erzählt ihnen, wie er an dieser Stelle von seiner Mutter Abschied nehmen musste. Bilder wie dieses machen Kinder neugierig. Dieser findet mitten in Deutschland, am Frankfurter Hauptbahnhof statt. Jeder kennt diesen Ort, aber gleichzeitig stellt sich die Frage, warum der Mann damals seine Mutter verlassen musste – was ist passiert? Ich denke, diese Bilder schaffen eine großartige Verbindung zwischen den Schülern und mir, weshalb junge Menschen meine Zielgruppe sind.

Auf welche Art von Unterstützung freuen Sie sich am meisten?
Stellen Sie sich vor das Restaurant! Egal ob bei Feinberg oder anderswo in Deutschland – ich wünsche mir, dass dort, wo es Antisemitismus gibt, Menschen protestieren. Egal wie viele, aber es geht darum, klar zu sagen: Wir wollen damit nichts zu tun haben. Um zu zeigen, dass wir in Deutschland eine andere Zukunft vor uns haben. Und das meine ich nicht nur in Bezug auf Juden. Wenn ein Muslim beleidigt und sein Werk zerstört wird, ist meine Bitte dieselbe: Steh auf und protestiere!

Ihre eigene Familiengeschichte ist tragisch geprägt vom Holocaust – machen Sie sich mit Ihrer Kunst bewusst angreifbar?
Mein Großvater und meine Großmutter wurden in Auschwitz ermordet. Ich habe meinen Namen von diesem Großvater, Rafael. Mein Vater hat Auschwitz und andere Konzentrationslager überlebt, aber er hat den größten Teil seiner Familie verloren, seine Brüder, seine erste Frau, sein erstes Kind, ein zwei Monate altes Baby. Er kam nicht aus seiner Haut, aber ich fühle mich verpflichtet, unserer Familie mitzuteilen, was passiert ist. Die Leute sollten nicht noch einmal sagen, dass sie nichts wussten.

Wie bist du zur Fotografie gekommen? Warst du schon immer jemand, der Dinge beobachtet hat?
Fotografie ist meine Sprache. Durch sie bewegt sich etwas zwischen den Menschen. Ich versuche etwas zu erklären und das kommt dabei heraus. Wenn Sie durch meine Fotobücher blättern, sehen Sie das normale jüdische Leben in Deutschland, zum Beispiel einen Kindergarten, eine Schule, einen fußballspielenden Rabbiner, Holocaust-Überlebende in der Küche. Vielleicht eine Großmutter, die gefilte Fische zubereitet. Und wenn man ganz genau hinschaut, kann man eine Nummer auf ihrem Arm erkennen. Diese Bilder sind überall auf der Welt ohne viele Worte verständlich. Fotografie ist so beeindruckend wie Sprache. Aber es ist eine universelle Sprache.

Was inspiriert dich?
Ich suche gegenseitigen Respekt. Meine Arbeit ist nicht nur jüdisch, es gibt andere Projekte, die ich mache, aber ich suche Respekt zwischen Menschen, zwischen Religionen. Ohne Respekt haben wir Schwierigkeiten. Ohne Respekt voreinander geht es nicht.

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, Deutschland zu verlassen?
Nein, im Gegenteil!

Sophie von Zitzewitz sprach mit dem Fotografen.

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