Hilfe, ich bin SP

Cédric Wermuth kann für eine andere Legislatur als Nationalrat kandidieren. Es ist an der Zeit, sich von Ihrem toxischen Selbst zu verabschieden.

Cédric Wermuth ist nach wie vor der Vertrauensmann des Bundeshauses für die SP.

Cédric Wermuth ist nach wie vor der Vertrauensmann des Bundeshauses für die SP.

Anthony Anhang / Schlussstein

Als junger Nationalrat wollte er angeblich nach der ersten Legislatur austreten. Heute ist er Co-Vorsitzender der zweitgrößten Partei des Landes. Cédric Wermuth, allerdings 36, sprach kürzlich sehr offen über den Cédric Wermuth von vor zehn Jahren. «Vielleicht war ich mit dem jungen Cédric Wermuth nicht befreundet», sagte er in einem Interview mit der «Aargauer Zeitung».

Wenn Politiker in der dritten Person über sich sprechen, sollten Sie vorsichtig sein. Entweder hast du dich verirrt oder du bist Adolf Ogi. Und weil es nur einen Adolf Ogi und einen Cédric Wermuth gibt, der am Rande von Ausschusssitzungen Kaffee serviert und gut gelaunt wirkt, fragt man sich: Was machst du, Cédric Wermuth?

„Als Mann muss ich nicht alles können“

Am Dienstagabend war Wermuth auf das Wohlwollen der Delegierten der SP Aargau angewiesen. Zwei Drittel der Stimmen waren nötig, um für eine weitere vierte Legislatur als Nationalrat zu kandidieren. Dem entsprechenden Antrag wurde einstimmig stattgegeben. Die Kantonspartei hätte ihrem Zugpferd ohnehin erlaubt, die Amtszeitbegrenzung auch ohne Seelenstriptease zu lockern. Das ist schließlich: Cédric Wermuth.

In der Politik geht es um Sitze, es geht um Einfluss, es geht um Macht. Natürlich, und vor allem bei den Sozialdemokraten. Cédric Wermuth hat früh und sehr schnell verstanden, wie dieses Spiel funktioniert und was er tun muss, um zu gewinnen. Als Vorsitzender der Juso trieb er die Mutterpartei vor sich her, bis sie sie integrierte und die Überwindung des Kapitalismus und die Abschaffung der Armee in das Parteiprogramm einschrieb.

Wermuth verteidigt diese Punkte dennoch. Und wenn er sagt, er sei heute „gesünder“ und „selbstkritischer“ geworden, nimmt er keine kritische Distanz zu seiner Zeit als Hausbesetzer oder öffentlicher Raucher. Was ihn an seinem jüngeren Ich stört, ist seine damalige Männlichkeit. “Ich war wie die meisten jungen Menschen: oft arrogant, oft sexistisch.” Mit dieser – heute würde man sagen – toxischen Art, verletzte er viele Menschen, „besonders Frauen“.

Natürlich steckt auch politisches Kalkül hinter dem Leid des nicht mehr ganz jungen Wermuth. Wenn vermeintlich starke SP-Männer über vermeintlich echte Gefühle sprechen, kommt das vor allem bei Frauen gut an. Aus einem Interview mit elleXX, einem Frauenmedienportal für Frauen, weiß das auch Cédric Wermuth. Hier sprach er offen über seinen wachsenden Reichtumsbauch, seinen stressigen Alltag als Vater, sein “SP-Plakatjunge”-Image, über die Last des Ruhms: “Ich kann nicht betrunken auf eine Straßenfeststange pissen. in allen Zeitungen der nächste Tag.”

Selten habe er so viele positive Reaktionen bekommen, sagt Wermuth rückblickend. Und es ist befreiend, die in der Gesellschaft noch fest verankerten Geschlechterrollen zu hinterfragen. “Als Mann muss ich nicht alles können, ich muss nicht immer stark sein”, sagt er auch mit Blick auf die Arbeitsteilung im Parteivorsitz. Selbst bürgerliche Parlamentarier hätten ihm gesagt, dass sie ihn um seine Co-Lösung mit Mattea Meyer beneideten.

Die Vereinbarkeit von Politik und Familie ist nicht nur ein Thema der Linken. Marcel Dettling von der SVP und Philippe Nantermod von der FDP sollen ihre Ambitionen auf einen vakanten Parteivorsitz wegen der instabilen politischen Rahmenbedingungen des Berufslebens zurückgefahren haben. Im Gegensatz zu Wermuth rebellieren Bürgerliche jedoch nicht öffentlich gegen die eigene Männlichkeit.

SP-Männer werden eliminiert

Auch die Entgiftung des giftigen jungen Wermuth hat einen parteiischen Hintergrund. Die SP hat ein Männerproblem, weil der Frauenanteil in ihrem Wahlkreis deutlich höher ist als der der Männer. Er habe das Gefühl, «als Mann in der SP muss man doppelt so viel leisten», sagte der Zürcher Regierungsrat Urs Helfenstein nach seiner überraschenden Abwahl im vergangenen Februar. Die SP als Opfer? 30 Männer haben bereits die 31 Sitze im Parlament besetzt, die die Partei in den vorangegangenen zwei Jahren bei kantonalen Wahlen verloren hatte.

Mit seinen Bekenntnissen reiht sich Wermuth in die Übergangsgeneration ein, irgendwo zwischen Christian Levrat, Alain Berset und der neuen Juso-Präsidentin Nicola Siegrist. Nach seiner Wahl im Juni sagte er: “Wir müssen ausprobieren, wie es funktioniert, wenn ein Mann die feministische Jugendpartei Juso führt.” In zehn Jahren wird er es sicher wissen.

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