Justizvollzugsanstalt Essen: So sieht es hinter der JVA-Fassade aus

Essen Rüttenscheid.
Bei der JVA Essen verbüßen mehrere hundert Männer ihre Strafe. So sieht es hinter den Gefängnismauern aus.

Laute Schreie vom Schulhof nebenan drangen bis zum Tor der Justizvollzugsanstalt Essen; In einem kleinen Kreis an der Krawehstraße herrscht jedoch angespannte Stille. Elf WAZ- und NRZ-Leser erhielten eine Führung durch das Gefängnis. Die Neugier ist geweckt, doch niemand weiß so recht, was ihn hinter hohen Mauern, Gittern und Stacheldraht erwartet.

Essens „Gefängnis“ liegt mitten im Wohngebiet, der Rüttenscheider Stern ist nur ein paar Ecken entfernt. An diesem Morgen scheint das normale Leben im Viertel zu pochen. Kinder und Jugendliche gehen zur Schule, Lieferwagen fahren vorbei, Menschen kaufen im Supermarkt ein oder rennen zur Straßenbahn. Doch mittendrin, hinter den Mauern der JVA, müssen hunderte Männer all diese Freiheiten aufgeben. Ihr Leben spielt sich zwischen Zelle und Innenhof ab, sie sitzen in Untersuchungs- oder Verbüßungshaft.

Dass sie so von Leben umgeben sind, liegt an der Geschichte der Justizvollzugsanstalt Essen. Gebaut wurde es 1910, als eine solche Lage mitten in der Stadt noch üblich war. Neuere Haftanstalten liegen meist weiter entfernt. In Essen gibt es aufgrund der dichten Bebauung rundherum kaum Erweiterungskapazitäten für die Justizvollzugsanstalt. Jeder Quadratmeter will sinnvoll genutzt werden. Praktisch dabei ist, dass sich Amts- und Landgerichte in unmittelbarer Nähe befinden und ein unterirdischer Tunnel Gerichtsgebäude und Justizvollzugsanstalt miteinander verbindet.




Leser erhalten Einblicke in die JVA Essen

Die Gäste werden den Tunnel heute nicht sehen, aber viel mehr, als sie an dieser Stelle erwarten. In Kleingruppen geht es zunächst durch die Sicherheitskontrolle. Zeigen Sie Ihren Personalausweis und Impfpass vor, schließen Sie alle Wertsachen ab. Die Teilnehmer versammeln sich nach und nach in einem Innenraum. “Es ist eine bedrückende Atmosphäre”, sagt ein Teilnehmer. “Draußen scheint die Sonne und hier drin nur Neonlichter.”


Das ändert sich schnell – zusammen mit JVA-Sprecher Marc Marin machen wir uns auf in einen der Innenhöfe. Hier beginnt er seinen mehrstündigen Rundgang, bei dem er den Gästen deutlich machen will, dass der Gefängnisalltag wenig mit den in Fernsehserien vermittelten Klischees zu tun hat.

Aber einige der Abdrücke passen irgendwie zu den Fernsehbildern: Vom Hof ​​aus sieht man die doppelt vergitterten Fenster der Zellen, die im korrekten Amtsdeutsch Arresträume heißen.

Unter jedem Fenster ist die Zimmernummer aufgemalt – bei einem Alarm kann schnell und genau übermittelt werden, aus welcher Zelle es sich handelt. Hinter Gittern hängen Kleider und Handtücher zum Trocknen, Pakete sind zu sehen, in manchen Fenstern sitzt ein Häftling, aus einem ist ein Radio zu hören. Was auch den Klischees entspricht: Die Zellen haben schwere Türen mit Metallbeschlägen, die Flügel sind quer angeordnet, im Inneren sind sie durch lange Gänge und vergitterte Metalltreppen verbunden. Wenn Sie hier herumlaufen, haben Sie vielleicht das Gefühl, direkt zu einem Filmset versetzt worden zu sein.

Arbeiten bei der JVA Essen ist ein Spagat zwischen Distanz und Vertrauen

JVA-Sprecher Marin schafft es, die Besucher davon zu überzeugen, dass der Alltag hier wenig mit „Hinter Gittern“ oder „Gefängnisflucht“ zu tun hat. Er macht deutlich, dass die Arbeit mit Inhaftierten ein Balanceakt ist: Einerseits ist es die Aufgabe, die Allgemeinheit vor allen anderen Straftaten eines Inhaftierten zu schützen und die Strafe zu vollstrecken. Andererseits ist die Rehabilitation die wichtigste Aufgabe. “Die Strafe ist Gefängnis”, sagt Marin. “Wenn jemand hier ist, geht es um das, was als nächstes kommt.” Es braucht eine Balance zwischen professioneller Distanz und einem Vertrauensverhältnis.

Vielen Inhaftierten fällt es leichter, sich dem Personal in Zivil zu öffnen, zum Beispiel beim Sport, in der Küche oder gegenüber einem der beiden Seelsorger. Die JVA Essen verfügt aufgrund ihres Alters über eine eigene kleine Kapelle, in der Häftlingschorgottesdienste und Proben stattfinden. Viele Menschen haben während ihrer Zeit im Gefängnis tatsächlich zum Glauben gefunden, und einige haben sich mit der Bibel auseinandergesetzt. Auch andere Religionen seien vertreten, die wie Nationalitäten, Sprachen, politische Konflikte und kulturelle Besonderheiten bei der Unterbringung berücksichtigt werden müssten, erklärt Marin. Das Gebäude beherbergt größtenteils Einzelzellen, aber es gibt auch einige Gruppenzellen.

Blick in eine Zelle der JVA Essen

An diesem Tag können die Gäste einen Blick in eine einzelne Zelle werfen: Auf knapp zehn Quadratmetern ist Platz für ein schmales Bett, Tisch, Stuhl, Schrank, Waschbecken und Toilette. Wer für kurze Zeit aus der Zelle entfliehen möchte, kann täglich eine Stunde den Hof nutzen. Diejenigen, die kooperieren, können auch Freizeitaktivitäten wie Sport, Musik, Schach, Gesprächskreise oder Gottesdienste genießen. Nachts gibt es den sogenannten „Umschluss“, wenn sich Insassen in einer Zelle versammeln, um gemeinsam fernzusehen, zu plaudern oder Karten zu spielen.

Es gibt auch die Möglichkeit, in der Justizvollzugsanstalt zu arbeiten – 45 Prozent der Insassen machen das zum Beispiel in der Werkstatt, im Reinigungsdienst oder in der Küche –, aber nur wenige eignen sich für letzteres, weil dort viel Selbstvertrauen herrscht Umgang mit scharfen Messern gefragt. Das Essen wird morgens, mittags und abends verteilt, das Essen wird in der Zelle gemacht, nur mit stumpfen Messern.

Einerseits gibt die Arbeit den Gefangenen eine Struktur, andererseits können sie nach ihrer Entlassung erstmals Geld sparen und erhalten einen Teil davon als Zulage. Wenn Sie Kaffee, Schokolade oder Tabak möchten, müssen Sie sich das zuerst verdienen. „Die wenigsten bekommen finanzielle Unterstützung von zu Hause“, sagt Marin. Zumindest einige Personen erhalten Besuch, es besteht ein Anspruch auf mindestens eine Stunde Besuch alle 14 Tage.

Für die Lesergruppe endet die Besuchszeit nach der Führung und einem Gespräch mit der Anstaltsleiterin Beate Wandelt. Einige aus der Gruppe erklären, dass das bedrückende Gefühl nachgelassen hat. Sie waren überrascht, wie individuell die Beamten auf die Insassen zugingen und wie freundlich beispielsweise der Besuchsraum war. Als sie wieder auf die Krawehstraße treten und sich die Gefängnistür hinter ihnen schließt, ist die Erleichterung noch zu spüren.


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